Editorial
Sehr geehrte Besucher!
Mit der Gründung unseres Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern der Angehörigen und Freunde psychisch Kranker e.V. am 27.11.1993 haben wir uns ein Forum geschaffen, um die eigene Resignation und die jahrzehntelange Abgrenzung der Psychiatrie von den Familien zu überwinden.
Dazu erklärte Helmut Hartig, Gründer des Verbandes, in einem Gespräch mit LICHTBLICK 1998: "Mein Begrüßungsgeld gab ich 1989 für Aufklärungsliteratur aus. So groß war unser Leidensdruck, unser Wunsch noch Entlastung und Information. Denn über die psychische Erkrankung unserer Tochter wußten wir nur wenig. Fast acht Jahre ließen uns die Experten alleine. Uns gaben die Bücher FREISPRUCH DER FAMILIE und WENN NICHTS MEHR IST, WIE ES WAR, die Kontakte zu einer Angehörigengruppe an der Klinik Lübeck und zum Bundesverband den Impuls, auch in unserem Bundesland Selbsthilfegruppen und den Landesverband zu gründen." Erste Gruppen riefen Angehörige und Profis in Wismar, Rostock, Schwerin, Stralsund, Greifswald und Waren ins Leben. Endlich gab es einen Raum, eigenes Leid zu begreifen, es anzupacken und abzubauen.
Heinz Deger-Erlenmaier, Diplomsozialarbeiter und Angehöriger, beschreibt in WENN NICHTS MEHR IST, WIE ES WAR, wie Angehörige das veränderte Leben bewältigen - und betont: "Sicher, es ist oft ein steiniger und dornenreicher Weg vom 'Ungehörigen' zum aktiven und informierten Angehörigen, der sich vor der Gesellschaft nicht versteckt". Die Öffnung der Psychiatrie in Mecklenburg-Vorpommern haben wir mit vorangetrieben.
Helmut Hartig, der den Landesverband von 1992 bis 1998 führte und zuletzt dessen Ehrenvorsitzender war, verstarb am 6. September 2005 im Alter von 70 Jahren in Wismar. Wir betrachten die geleistete ehrenamtliche Arbeit von Helmut Hartig als ein Vermächtnis, das wir stets weiterentwickeln. Die Psychiatriereform in Mecklenburg-Vorpommern und der Selbsthilfeverband sind eng mit seinem Namen verbunden. Sein Wissen, seine Erfahrungen und seine Hilfsbereitschaft wussten ganz besonders Angehörige und Patienten zu schätzen. Helmut Hartigs Wirken im Landespsychiatriebeirat, im Länderrat des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker e.V. und in anderen Gremien war geprägt von dem Willen, verlässlichere Lebensbedingungen für Menschen mit einer psychischen Krankheit zu schaffen.
Inzwischen haben sich über 200 Angehörige aus 21 Gruppen dem Landesverband angeschlossen. Ein wichtiges Ziel bleibt die gleichberechtigte Mitbestimmung von Angehörigen bei der Fortführung der Psychiatriereform, insbesondere unter dem Aspekt unserer Mitverantwortung gegenüber psychisch kranke Menschen und der Aktivierung der Selbsthilfekräfte der Familien.
Auch in Sachen Aufklärung und Antistigma gibt es noch viel zu tun, z.B. wie die Betroffenen mit den Auswirkungen einer psychischen Erkrankung im Alltag besser zurechtkommen, auch wie eine verfrühte Berentung vermieden werden kann und was Angehörige selbst für ihr gesundheitliches Wohlbefinden und für ihre berufliche Absicherung tun können.
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Ulrike Schob Vorsitzende Rostock, 17.03.2008