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Psychisch kranke Rechtsbrecher in den Medien

von Roland Hartig

Vorneweg, Nachrichtenleute haben es manchmal verdammt schwer, uns bestimmte Ereignisse und Zusammenhänge verständlich zu machen.
Dabei müssen sie sich mit den so genannten sechs W-Fragen redlich herumschlagen, oft sind sie auch in rechtlicher Hinsicht problematisch:
WER hat etwas getan? WAS ist geschehen? WANN hat es sich ereignet? WO ist es passiert?
Besonders die beiden letzten Fragen haben es in sich:
WIE ist es dazu gekommen (Art und Weise, Umstände und Motive)?
WARUM kam es dazu (Ursache und Wirkung, Absicht und Ziel)?
Sind die Informationsquellen trübe, die interviewten Experten ratlos, die Redakteure unter hohem Zeitdruck, können die wildesten Spekulationen ins Kraut schiessen. Folge: So manches Klischee wird bestätigt. Nicht selten reicht eine Negativschlagzeile aus, um Ressentiments gegen eine Person oder eine Gruppe zu schüren.


Nachrichtenagenturen: selten reißerisch

Die Medien müssen wahrheitsgemäß und kritisch informieren, aber auch berechtigte Interessen der Allgemeinheit wahrnehmen, ohne selbst dabei interessengebunden zu sein. Ein schwieriges Thema sind Meldungen über vermeintlich psychisch kranke Gewalttäter. Fakt ist, äußerst selten präsentieren renommierte Nachrichtenagenturen dramatische Ereignisse reißerisch. Dennoch, trotz seriöser Berichterstattung, in der Regel sind solche Meldungen "spektakulär" und sorgen für Unruhe in der Bevölkerung.

Die Frage ist, ob solche Nachrichten konträr zu Kampagnen stehen, die sich bemühen, psychisch Kranke und ihre Krankheit zu entstigmatisieren. Hierzu ist eine differenzierte Betrachtung angebracht. So hat der Deutsche Presserat publizistische Grundsätze für einen fairen Journalismus aufgestellt, den so genannten Pressekodex. Dazu berichtet der Presserat auf seiner Internetseite www.presserat.de, Rubrik Pressemeldungen: "Bekanntheitsgrad des Presserats steigt: Zahl der Beschwerden nimmt immer mehr zu." Dafür sorgen offenbar Leser, Journalisten, Verleger, Verbände und Kampagnen gleichermaßen. "Medienschelte" in Richtung Qualität ist also wichtig, von außen wie von innen. Beispielsweise gibt es ein vom Deutschen Journalisten-Verband (www.djv.de) initiiertes Netzwerk zur Qualitätssicherung im Journalismus. Daran beteiligen sich Kommunikationswissenschaftler und Repräsentanten von Ausbildungsinstituten, Verbänden der Medienunternehmen sowie der Medienkontrolle und des Presserates. Journalisten, die mit angemessener Sorgfalt recherchieren, Zusammenhänge herstellen können, sich von niemandem instrumentalisieren lassen, verdienen Respekt. Sie sind glaubwürdig. Aber auch sie können einem Irrtum aufsitzen.

Die meisten "Fälle" laufen still und verzweifelt ab

Die Redaktion Lichtblick-newsletter veröffentlichte im Rundbrief 58/02 die ddp-Meldungen (1) "Frau sticht Vater nieder - Sie wollte nicht zum Psychiater" und "Passauer Doppelmord: Motiv weiter unklar". Dazu schreibt Ulrike E. an die Newsletter-Redaktion: "Unkommentiert empfinde ich die beiden Pressemeldungen als schwierig". - "Solche Meldungen", heißt es weiter, "schüren natürlich die Angst der 'Normal'-Bevölkerung vor psychisch erkrankten Menschen". Zugleich betont sie: "es ist sicherlich wichtig für Betroffene und Angehörige diese Presseberichte zu kennen". Richtig, solche Berichte verdienen Aufmerksamkeit - wegen der Konsequenzen. Die der betroffenen Familien sind gut nachvollziehbar. Die folgenschwere Nachricht "Frau sticht Vater nieder - Sie wollte nicht zum Psychiater" ist 'nur' die Eisberg-Spitze. Die meisten "Fälle" laufen still und verzweifelt ab, abseits der Öffentlichkeit. Menschen, die mit den Betroffenen leben, mit ihnen verwandt, freundschaftlich verbunden sind, stehen oft vor einer schwierigen Situation. Was tun, wenn ein Verwandter oder Bekannter "total von der Rolle ist", "in die soziale Vernichtung läuft", "am Abgrund steht", "sich selbst oder andere gefährdet"? - Bemühungen, diesen bedrohlichen "Irrsinn" in "pädagogische" oder "normale" Kategorien zu fassen oder gar einer "Rosskur" zu unterziehen, schlagen meistens fehl. Solche Problemlagen können sich wider die Vernunft zu einem dramatischen Notfall hochschaukeln. Konsequenz: (Zwangs)einweisung in die Psychiatrie? Offenbar hatte der Vater gar keine andere Wahl, so dass er den Sozialpsychiatrischen Dienst rufen musste. In dem wissenschaftlichen Beitrag von Prof. Dr. med. Volker Faust "Schizophrenie und Gewalt. Aggressionsmuster - Ursachen - Motive - Risikofaktoren - Behandlungsfehler" wird diese Problematik auf den Punkt gebracht: "Auf jeden Fall sind Aggressivität und Gewaltbereitschaft im Rahmen einer psychischen Erkrankung ein Symptom, ein Krankheitszeichen, und keine nüchtern kalkulierte Strategie aus böser Absicht. Bei vielen Patienten kündigt sich das meist lange vorher an, auch wenn die eigentliche Gewalttat bisweilen abrupt über ihr Opfer hereinbricht." (2)

Krisenintervention: an der Umsetzung hapert es gewaltig

Nicht diese ddp-Meldung steht am Pranger, enthüllt sie doch "nur" das Ausmaß dieser Tragödie, sondern die unzureichende Krisenintervention: Trotz der gestiegenen Zahl gemeindenaher Betreuungsangebote fehlt fast überall ein rund um die Uhr hausaufsuchender Krisennotdienst. Zudem haben seit Januar 2000 Krankenversicherte mit einer schweren psychischen Erkrankung einen Rechtsanspruch auf Soziotherapie (§ 37a SGB V). Sie soll u.a. aufsuchende Hilfe in Krisen- und Notsituationen leisten. Das neue Gesetz ist schon jetzt Makulatur, denn an der Umsetzung hapert es gewaltig.

Die nicht verhinderte "Dramaturgie" einer Psychose

Zur Meldung "Passauer Doppelmord: Motiv weiter unklar" gibt es zwei weitere "Nachrichtenteile". Man könnte sagen, alle drei sind "dramaturgisch" verfasst. - Denn sie berichten über den tragischen Tod von drei Menschen. Die Bluttat des psychisch kranken Johannes D. (28), der zuerst seine Freundin in der gemeinsamen Wohnung und anschließend eine unbeteiligte 61-jährige Passantin in einem Passauer Kaufhaus erstochen hat, "hätte womöglich verhindert werden können", schreibt ddp. Der laut psychiatrischen Gutachten unter "endogenen Psychosen" leidende Täter stand bis Februar unter der Betreuung eines Rechtsanwalts. Jedoch hob das Vormundschaftsgericht die Betreuung auf Antrag des 28-Jährigen gegen den Rat des Betreuers auf. Aufgabe des Betreuers war es unter anderem, darauf zu achten, dass seinem Mandanten die ärztlich verschriebenen Medikamente (u.a. Depot-Spritzen) regelmäßig verabreicht wurden. Die Bluttat hatte heftige Kritik an der Justiz ausgelöst. Einige Tage später nahm sich der psychisch kranke Täter in der forensischen Abteilung des Bezirkskrankenhauses das Leben. Niemand habe damit rechnen können, dass sich der 28-Jährige auf der Toilette mit einer im Mülleimer befindlichen Plastiktüte umbringen könne, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Günther Albert auf ddp-Anfrage in Passau. Der Mann galt als suizidgefährdet. Er war bereits vier Mal in das Bezirkskrankenhaus eingewiesen worden. Damals wurde bei ihm eine endogene Psychose diagnostiziert.

Falsche Gefahreneinschätzung

Diese Meldungen dokumentieren nicht nur, sie machen auch deutlich, was passieren kann, wenn von einer falschen Gefahreneinschätzung ausgegangen wird. Wenn dann noch von Politikern Handeln gefordert wird, kann sich die Situation für Kranke insgesamt schlagartig verschlechtern. So etwas kann sehr schnell gehen. Wenn sich zeigt, dass Fachleute Gefahren überwiegend falsch einschätzen, "hilft eben nur wegschließen". Das bedeutet weniger Therapie, zunehmende Rückfallgefahr, mangelnde Integration. Ein Teufelskreis!

Schizophrenie und Gewalt

Aus der berühmten Studie von Böker und Häfner (1973) geht hervor, dass "Gewalttaten bei psychisch Kranken nicht häufiger vorkommen als bei der Gesamtbevölkerung". Der Psychiater Prof. Dr. Norbert Nedopil differenziert: "Mittlerweile haben neuere Arbeiten gezeigt, dass das Gewalttätigkeitsrisiko bei schizophrenen Patienten im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung doch deutlich erhöht ist. Dabei wurden für unterschiedliche Deliktgruppen unterschiedlich hohe Risikoraten gefunden. Sie sind für Mord und Totschlag am höchsten und erreichen nahezu den Faktor 10, während sie für Sexualdelikte am niedrigsten sind, möglicherweise sogar niedriger sind als in der Allgemeinbevölkerung. Immerhin sind für Gewaltdelikte ganz allgemein die Risikoraten bei den Schizophrenen zwischen 3- und 5-mal so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung." (3)

Aber nicht jeder Schizophrene ist von vornherein gefährlich. Kommen hingegen Faktoren wie soziale Isolation, Sucht oder Behandlungsabbruch hinzu, dann besteht ein ernstes Risiko. "Trotzdem sollten Schizophrene nicht generell als potentielle Gewalttäter gebrandmarkt werden. Vielmehr ist eine angemessene Behandlung für sie sicherzustellen, um die Kranken aus ihrer Wahnwelt herausführen" (4), so das 3sat-Wissenschaftsmagazin "nano" in "Zeitbombe Schizophrenie? Sucht und soziale Faktoren erhöhen Gewaltbereitschaft".
 
Psychiatrie und Pressearbeit

Asmus Finzen schrieb vor zwei Jahren über "psychiatrische Öffentlichkeitsarbeit" im DGSP-Rundbrief "Soziale Psychiatrie": "Richtig ist, dass gesamtgesellschaftliche Haltungen und Meinungen (und Vorurteile) nicht durch psychiatrische Öffentlichkeitsarbeit - und vermutlich auch nicht durch Antistigma-Kampagnen - zu verändern sind." (5)

Nahezu jedes Unternehmen legt Wert auf Öffentlichkeits- bzw. Pressearbeit. Die Psychiatrie hat dieses Instrument nicht nötig? Schlagzeilen wie "Kein Kommentar aus der Psychiatrie" oder "Psychiatrie im abgehobenen Elfenbeinturm" verbauen den Dialog. Im Interesse der Patienten und ihrer Angehörigen ist der Dialog zwischen Psychiatrie und Medien dringend geboten. Dieser funktioniert in Ansätzen, wie Kompetenznetzwerke, Antistigma-Projekte und Selbsthilfe-Initiativen zeigen.

Quellennachweis:

(1) Meldungen der ddp-Nachrichtenagentur
http://www.lichtblick-newsletter.de/blick-zb7.html

(2) "Schizophrenie und Gewalt" von Prof. Dr. med. Volker Faust
http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/schizophrenie_gewalt.html

(3) "Forensische Psychiatrie - Wohin führt der Weg?", Vortrag von Prof. Dr. Norbert Nedopil,
15. Eickelborner Fachtagung für Forensische Psychiatrie (1. März 2000)
http://forpsych.klinikum.uni-muenchen.de/eickel00.html

(4) Zeitbombe Schizophrenie? Sucht und soziale Faktoren erhöhen Gewaltbereitschaft
http://www.3sat.de/nano/bstuecke/29291/

(5) Asmus Finzen: "Die Psychiatrie, die psychisch Kranken und die öffentliche Meinung.
Beobachtungen zu einer gestörten Kommunikation"
http://www.forensik-herne.de/html/literatur/finza00a.html

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